Das Fest, 28.-30.07.Karlsruhe, Günther-Klotz-Anlage

Quo vadis, Fest?

Meine Festeindrücke beschränken sich dieses mal auf den Freitag- und den Sonntag- Abend. Kettcar aus Hamburg waren die erste Band, die ich beim Fest 2006 genießen konnte und diese hinterließen bei mir einen zweischneidigen Eindruck. Musikalisch ideal für das Fest waren die Songs, bei denen die Punk Vergangenheit  durchschimmerte. Und auch wunderschöne Balladen gab es, mit Texten, die wirklich überzeugten, wie z.B. "Balou, der Bär". Auf der anderen Seite gab es aber auch viel Leerlauf gepaart mit einer Understatement Attitüde, die vielleicht durch die Hamburger Herkunft erklärbar ist, manchmal aber nervt. Da spielen Kettcar auf einem der größten Festivals in Deutschland und schaffen es tatsächlich, den Hügel zu einer Welle zu animieren, um dann kurz darauf alles wieder mit einer Art "wir sind doch keine Popstars wie DJ Ötzi" Ansage zu relativieren, statt sich einfach darüber zu freuen. OK, vielleicht ist es einfach wirklich die norddeutsche Art sich zu freuen, die hier in Süddeutschland wie ein Fremdkörper wirkt, konnte man doch hinterher lesen, dass die Hamburger sich sehr über den Auftritt freuten und gerne wiederkommen möchten. Schwamm drüber: Kettcar bekommen bei mir eine 2. Chance.

Nach Kettcar kamen dann New Model Army, eine Band, auf die ich sehr gespannt war, weil die in den 80igern komplett an mir vorbeiliefen. Den Namen kenne ich wohl, allein - ich kann auf Anhieb keinen einzigen Song von ihnen nennen, mit einer Ausnahme, nämlich "51st State of America" und den auch nur, weil exakt vor 2 Jahren "Wir sind Helden" diesen Song auf dem Fest 2004 coverten. Zunächst große Freude, denn genau wie letztes Jahr gelang es mir, einen Platz im vorderen abgesperrten Bereich zu ergattern, einen Bereich, den ich vom letzten jahr her in guter Erinnerung hatte, da Zugangskontollen dafür sorgten, dass die Anzahl der Besucher unmittelbar vor der Bühne nicht zu groß wurde. Und so konnte ich die ersten 4-5 Songs auch durchaus genießen: ein paar Reihen vor mir wurde Pogo getanzt, um mich rum New Model Army Fans, die sich tierisch über die Show freuten. Bis, ja bis es immer voller und voller wurde und die Idioten kamen. Jene, immer in Rudeln auftretenden Deppen, die sich händchenhaltend ohne Rücksicht auf Verluste zu Beginn eines Konzerts von der letzten in die erste Reihe durchtanken müssen und für die "Rücksicht" ein Fremdwort ist.  Zugangskontrollen gab es Freitag abend wohl nicht, die Pogo-Welle schwappte immer mehr nach hinten, es wurde immer voller und unangenehmer sodass ich die Flucht nach draußen antrat. Dort war es zwar entspannter, aber auch deutlich leiser was die Musik betraf, sodaß leider meine Begeisterung für New Model Army deutlich nachließ.

Nachdem ich glücklicherweise beschlossen hatte, den Samstag nicht auf dem Fest zuverbringen und somit das Novum verpasst hatte, dass zum ersten Mal in der Fest-Geschichte die Eingänge wegen Überfüllung zeitweise geschlossen werden mussten, ging's am Sonntag zum Festabschluß zu Skin. Sonntag ging es dann doch deutlich gesitteter zu als am Freitag bzw. Samstag. Auf die ehemalige Frontfrau von "Skunk Anansie" mit blutjunger Band schien aber auch am Sonntag die Festatmoshäre wie eine Übderdosis Aufputschmittel zu wirken. 3 Punk Songs hintereinander, wobei Skins normalerweise geniale Stimme im Overdrive Modus eher piepsend daher kam, ließen Schlimmes erahnen, aber dann wurde einem noch ein richtig gutes Konzert geboten. Nach besagten 3 Eröffnungsstücken wurde ein Gang runter geschaltet und gerade bei den etwas langsameren Titeln klappte dann alles. Wobei es Skin eigentlich egal war, ob es ein langsames oder schnelles Stück war: die Frau ist auf der Bühne ein Derwisch, der nicht zu bremsen ist. Höhepunkt natürlich eine wunderschöne Akustik Version von "Hedonism". Auch auf Skin und die Band hinterließ das Festpublikum und natürlich vor allem der Hügel deutlich Eindruck und so verabschiedete sich Skin leider relativ schnell nach noch nicht einmal einer Stunde mit einem "you're the best audience in Germany ever" um dann noch einmal für ein paar Zugaben herauszukommen. Und zum Abschluß gab es dann noch tatsächlich einen Stage-Dive von Skin.

Fazit insgesamt: klar, die für mich persönlich schönste Festzeit Mitte der 90iger, als zwar schon bekannte Bands da waren, aber man an allen 3 Tagen zu jedem Zeitpunkt noch einen guten Platz ergattern konnte, um Musik zu erleben, wird nicht wiederkommen.  Und wahrscheinlich ist es auch gewollt, neben den 2 ursprünglichen Eckpfeilern Musik und Kinderspielaktionen weitere Attraktionen anzubieten. Allerdings wird die Musik nach und nach dadurch immer mehr zu Nebensache und gleichzeitig wird es voller und voller. Die zeitweise Schließung der Eingänge sind ein Warnzeichen. Keine Ahnung, was man ändern sollte, allerdings befürchte ich, dass es immer schwerer wird, das Konzept, ein friedliches Fest für alle Generationen anzubieten, umzusetzen.

Hier noch 2 Links:
Die inoffizielle Homepage von "Das Fest": http://www.das-fest-karlsruhe.de/
Die offizielle Homepage von "Das Fest": http://www.dasfest-karlsruhe.de

© 07/2006 by Hans-Georg Krumm
URL: http://www.hgkrumm.de/das_fest_28-30_07_06.html 

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